Jeanne d'Arcs Sonne über Frankreich
17.09.2010 · Frankfurter Allgemeine
Der Louvre hat ein neues Meisterwerk erworben: einen Bildteppich aus dem Thronbaldachin von Karl VII., entstanden kurz nach 1430. Was erzählt das Bildprogramm dieses einmaligen Stücks?Von Eberhard König
Ein neues Bewusstsein von der Zugehörigkeit zur Nation ist beim Wandel vom Mittelalter zur Neuzeit erwacht. Es entstand aus Kriegsnot und aus der Ablehnung des feudalistischen Staates, in dem die Geschicke der Völker allein von Herrscherfamilien abhingen. Dieser Mentalitätswandel hin zu einer vom Volk gelebten Identität sollte das Ringen um die französische Krone entscheiden und die Stellung der Könige bis hin zum Absolutismus des Sonnenkönigs festigen. Ein Erbstreit hatte von 1337 bis 1453 zum Hundertjährigen Krieg geführt. Die englischen Plantagenets beharrten auf einem Erbrecht der Frauen, das Edward III. über seine Mutter Isabella von Frankreich zum Erben der Kapetinger machte. Die französischen Valois leugneten dies und ließen Philipp VI. krönen.
Doch mit der Krönung war das in der Folgezeit nicht immer so einfach, denn dafür musste man aus Saint-Denis bei Paris die Regalien nach Reims bringen. Nach der Niederlage bei Azincourt 1415 war aber Paris an den englischen König Heinrich V. gefallen, und im Hause Valois sprach der geistesschwache Karl VI. seinem erbberechtigten Sohn die Legitimität ab, ehe er im Oktober 1422 verstarb. England behauptete weiter sein Recht auf Frankreich, hatte jedoch am 31. August 1422 seinerseits den König verloren und mit Heinrich VI. nur einen Säugling für den vereinten Thron.
Für sieben Jahre zog sich der französische Thronfolger hinter die Loire zurück, um als König von Bourges verspottet zu werden, während Paris von den Herzögen von Bedford und Burgund beherrscht wurde. Erst Jeanne d'Arc gelang es, den Dauphin aus dem Faulbett zu reißen und ihn nach dem Sieg vor Orléans nach Reims zu bringen. Bei seiner Krönung zu Karl VII. fehlten die Regalien aus Saint-Denis, doch Jeanne d'Arc sprach nach der Krönung zu Karl: "Damit ist Gottes Freude [sie nennt es plaisir] erfüllt, der wollte, dass Ihr nach Reims kommt, um Eure würdige Krönung zu erhalten und zu zeigen, dass Ihr der wahre König seid, dem das Reich gehören muss." Christine de Pizan hielt das Ereignis so fest: "Im Jahre 1429 begann die Sonne aufs Neue zu glänzen; sie bringt eine gute neue Zeit."
Von derartigen Ereignissen haben die Zeitgenossen in diesen Epochen keine Bilder überliefert, und seit der Revolution sind fast alle französischen Regalien verschwunden. Doch plötzlich taucht ein Objekt vom Königshof auf, das als Bildzeugnis der Zeit das Ereignis von 1429 anschaulich macht: Aus anonym bleibender Provenienz hat der Louvre gerade die rückwärtige Partie eines Thronbaldachins erworben. Dass es von irgendeinem mittelalterlichen Thron überhaupt noch so ein Stück gibt, erstaunt; und dann handelt es sich auch noch um den Baldachin Karls VII., des Siegreichen.
Die Darstellung erscheint auf rotem Grund. Das kennt man nur von wenigen Arbeiten, darunter aber zwei unerhörte Hauptwerke der mittelalterlichen Teppichkunst: die Apokalypse in Angers und die Dame mit dem Einhorn im Pariser Cluny-Museum. Das Format ist verblüffend groß: knapp drei mal drei Meter. Darauf funkelt aus goldenen Fäden eine große Sonne, die über einen Himmel, auf dem 72 zum Teil verdeckte Sterne Platz haben, zwölf Flammen aussendet, zu denen noch sechzig gerade Strahlen hinzukommen.
Vor diesem feurigen Himmel und den geometrisch verteilten Sternen schweben zwei Engel unter der Sonne: Ihre grün gefütterte Dalmatiken mit den fleur-de-lis der französischen Krone auf Blau, über weiß leuchtenden Alben, weisen sie als Subdiakone aus. Sie bringen eine Krone mit, wie sie samt dem Lilienkranz dem König von Frankreich gebührt. Dass die Sonne erstrahlt, ruft ins Bewusstsein, wie früh sich französische Könige schon als Sonnenkönige verstanden: Der von Wahnsinnsanfällen gepeinigte Karl VI. tat das ebenso wie sein Nachfolger Karl VII., dessen Krönung so mühsam errungen werden musste.
Objekte wie der Wandteppich verraten weder, wer sie schuf, noch wer sie bestellte. Die kennerschaftliche Kunstgeschichte aber kann ihnen dann mit Sicherheit einen Platz zuweisen, wenn sie aus Umbruchszeiten stammen. Karl VI. war wie seine unglücklichen Zeitgenossen Wenzel in Deutschland und Richard II. in England ein Mann aus der Zeit des Weichen Stils oder der Internationalen Gotik. Unter Karl VII. brach man mit der Schönlinigkeit. Die Falten brechen, die Körper gewinnen Schwere, die Gesichter Statur, und mit Jean Fouquet kommt dann auch schon rasch die erste Renaissance nach Frankreich.
Davon sind wir hier noch entfernt; aber der neue Sinn für Stofflichkeit, den wir am intensivsten bei den Altniederländern um Jan van Eyck und Rogier van der Weyden bewundern, hat sich bereits durchgesetzt. Nicht vor 1430 (das ist auf den ersten Blick klar) wird der Entwurf entstanden sein - und nicht nach dem Ableben Karls VII. im Jahre 1461. Damit ist dieser König als Besitzer ermittelt, und es drängt sich ein spezifischer Sinn von Sonne und Sternen auf Rot auf: Bis zu den Niederlagen der französischen Krone gegen die Engländer scharte sich das Königsheer um die in Saint-Denis aufbewahrte Oriflamme, die auf rotem Grund die Sonne mit Strahlen und Sternen zeigte. Im Hundertjährigen Krieg hat man sie so oft verloren, dass man sie aufgab. Karl VII. hielt jedoch noch so weit an der Oriflamme fest, dass er ihre Zeichen und ihr Rot, wie die besten Buchmalereien aus seiner Regierungszeit zeigen, für den Thron beanspruchte.
Nachdenklich stimmen die Zahlen. Zwölf flammende Strahlen verkörpern sicher die zwölf Großen des Reiches, die Pairs. Was aber will die Zahl sechzig, und wie kommt es bei den Positionen der Sterne auf dem roten Grund zu Zweiundsiebzig? Eine kurze Besinnung auf das Französische und die Mathematik helfen hier weiter: Wer die Zahl ausspricht, sagt soixante et douze, und wer sie errechnet, kommt auf 2³ mal 3². Das Spiel mit den Potenzen spricht für sich, und soixante ist Schock im älteren deutschen Sprachgebrauch, douze das Dutzend: Die schockhaft unüberschaubare Zahl wird vom klassischen Dutzend überstrahlt, so wie sich der König im Kreise seines Dutzend Pairs als Herr über das Ganze fühlt.
Die Bedeutung der Drei, beispielsweise der drei Sterne über der Krone, erinnert an die kühne Deutung des Lilienwappens, die Raoul de Presles dem Kirchenvater Augustinus in seiner Fassung des "Gottestaats" für Philipp VI. untergeschoben hat. Demnach verkörpern sie die Trinität. Chlodwig erhielt sie von Gott, als er sich nach lateinischem Ritus taufen ließ und Roms Lehre von der Dreieinigkeit für das Frankenreich übernahm.
Am Kunsthandel vorbei hat der Louvre den Teppich erworben; dafür hat die Konservatorin Elisabeth Antoine alle Hebel in Bewegung gesetzt, und ohne erhebliche Geldmittel, die nur zum Teil aus dem Hause, in größerem Umfang aber von der Société des Amis du Louvre beigesteuert wurden, wäre das in Zeiten der Krise unmöglich gewesen.
Frau Antoine hat nicht nur aufgedeckt, wie die Krönung als göttlich gewollter Sonnenglanz begriffen wurde, sondern auch den ungeheuren künstlerischen Wert bestimmt: Als Entwerfer erkennt sie Karls kaum erforschten Hofmaler Jacob Littemont, von dem man bisher nur Werke für den königlichen Finanzier Jacques Coeur in Bourges hatte. In seiner künstlerischen Kraft, den symbolischen Bezügen und der Macht von Körpern und Farben erweist sich der Teppich als erstaunliche Bereicherung des Louvre. Der wird damit nicht nur zum einzigen alten Königsschloss, in dem es noch einen Thronbaldachin aus dem Mittelalter gibt, sondern er erhält auch das bedeutendste monumentale französische Bild aus dem zweiten Drittel des fünfzehnten Jahrhunderts.
Nur bei der Datierung hätte Frau Antoine mutiger sein können: Für mich stammt der Teppich aus den frühen dreißiger Jahren des fünfzehnten Jahrhunderts und nicht erst, wie sie vermutet, aus der folgenden Dekade. Ein früherer Ansatz gibt ihm einen noch mächtigeren Platz als das Werk, durch das die Oriflamme in eine Symbolik der Sonne überführt wird, die mit der Krönung im Jahre 1429 für die Zeitgenossen neu zu leuchten begann. Von welch überwältigender Schönheit der intellektuell anspruchsvolle Entwurf und die lebendige Ausführung der Gestalten ist, kann man nun im Louvre erleben, wo dieses Kunstwerk einen großen Saal völlig beherrscht.